Blog

Straßenhunde-mich fragt niemand

by in Uncategorized 08/12/2020

Artikel von Karin Gummerer

Anwärterin zur Traumafacheraterin für Hunde

Der inflationär gebrauchte Begriff der Traumatisierung hat auch im Hundealltag Einzug gehalten. Vorschnell wird beim Hund auf eine solche geschlossen. Die Hundehalter wissen aber nicht genau, was dahintersteckt und verwenden diese Aussage öfters auch als Entschuldigung für ein Verhalten, das der Hund zeigt und dem Menschen nicht gefällt.

Es bedarf einer professionellen Diagnose von einem dazu ausgebildeten Therapeuten. Die Chance auf weniger Beißvorfälle und sonstigen Schwierigkeiten zwischen Hunden und Menschen wären mögliche positive Konsequenzen.

Mögliche Ursachen von Traumata können sehr individuell und vielfältig sein:

Unfälle, Katastrophen, veränderte Lebensumstände, Vernachlässigung, soziale Isolation, frühe Trennung vom Muttertier, bis hin zu „banalen“ Frisörbesuchen oder Hundeplatzbegegnungen.

Nehmen wir als Beispiel einen Straßenhund. Wir Menschen meinen fälschlicherweise, dass wir Straßenhunde aus ihrem miserablen Leben „retten“ müssten. Das Leben auf der Straße wird vielleicht nicht immer schön sein und sicherlich auch nicht stressfrei. Die Hunde kennen aber nur dieses eine Leben.

strays-504794_1920

Traumatisiert werden sie durch das Einfangen, den Transport und das Leben in völlig anderen Lebensumständen.

Versuchen wir uns das Leben einer Straßenhündin vorzustellen. Sie lebt ihr Leben irgendwo im Süden. Sie stibitzt ihr Futter in der Nähe von Müllhalden, verbringt ihre Tage mit Dösen, fressen, Konkurrenzkämpfen und auch mit dem Pflegen von Freundschaften. Insgesamt ein passables Leben.

Plötzlich treten Menschen in ihr Leben, mit denen sie bis dato nichts zu tun hatte. Sie mied sie sogar, sie vertraut ihnen nicht. Diese Menschen fangen sie ein. Sie wehrt sich heftig, zieht und zerr wie von Sinnen, es hilft nichts, sie hat keine Chance. Ein Halsband wird ihr angezogen und sie sieht zum ersten Mal ein Auto. Dann folgt der Flug! Ohne Medikamente in einem Katzenkorb. Wie muss sich dieser Hund gefühlt haben? Mit ein bisschen Empathie kann sich das jeder Mensch vorstellen.

Kontrollverlust! Schock, Angst, Hilflosigkeit, ein Ausgeliefertsein, schiere Verzweiflung, sprich Todesangst.

.Dann wird die Hündin in einer Pflegefamilie untergebracht. Sie kennt keine Wohnungen, sie war noch nie eingesperrt, kennt keine Leine, keinen Futternapf, keine Bodenheizung, keinen Staubsauger, keine Tür, keinen Stadtlärm, keinen Zug, kein Telefon, keine schreienden Kinder und Menschen usw. usw.

Um zu überleben kann sie sich nur noch „innerlich“ betäuben.

Auf den Menschen aber wirkt sie unaufmerksam und desorientiert. Erste Anzeichen eines Traumas!

Die Hündin musste sich nicht nur einem Trauma stellen, sondern mehreren hintereinander gleichzeitig. Sie sieht ihr Leben, ihre Gesundheit aufs Massivste bedroht und ist diesem hilflos ausgeliefert (Ohnmachtsgefühle).

Ob sich dieses Erlebnis als PTPS entwickelt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Es kommt darauf an, wie die Hündin diese bewertet, welche Erfahrungen sie bereits in ihrem Leben gemacht hat, ihrer individuelle Konstitution, ihrer Stressresistenz.

Weiter Symptome können sein: Angst, Verzweiflung, körperliche Unruhe, große Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen. Wenn es jetzt nicht zu einer therapeutischen Behandlung kommt oder zur Aufarbeitung, kann dies zu einer posttraumatischen Belastungssituation führen.

Dieser Hund kann dann weitere „verhaltenskreative“ Symptome zeigen:

Fluchttendenzen

beißen, schnappen

schreien

Unkontrollierbarkeit von Kot und Urin.

rescued-dog-1680889_1920

Auffallend ist die heftige Reaktion auf Autos. Vielleicht sieht sie darin die größte Gefahr. Autos haben sie schließlich in diese Lage gebracht. Sie speichelt, hechelt und verliert Urin.

Und was macht der Mensch? Er versucht nun, sich durch die sog. Desensibilisierung dem Auto zu nähern. Das löst aber nicht das Eigentliche, die Ursache, sondern kratzt dabei nur an der Oberfläche. Ausgelöst wird nur noch mehr Angst. Die Angst wird auf alles Neue übertragen. Mittlerweile kann ein Geruch, ein Geräusch, eine zuknallende Autotür, ein Motorengeräusch, ein Rascheln mit dem Autoschlüssel genügen, um diese Angst und Panik auszulösen.

Schreckhaftigkeit, Unruhe, Reizbarkeit, Fahrigkeit sind nur noch einige weitere Symptome, die auftreten können. In Träumen (Alpträume) versucht der Körper etwas Stress abzubauen.

Konzentrationsstörung und Lernschwächen treten als mögliche Begleiterscheinungen auf.

Wie kann man von jemanden, der ständig um sein Leben fürchtet, erwarten, dass er sich auf etwas konzentriert und dann auch noch lernt. Lernen unter Stress und Angst ist nicht möglich.

Die häufig verwendete Aussage: „Der will nur nicht!“ sollte in diesem Zusammenhang gut überdacht werden.

Irgendwann treten auch körperliche Symptome auf (Herzschmerzen, vermehrte Infektanfälligkeit, Magen-Darmproblematiken, Hautallergien bin hin zu Krebs).

Psychologisch können sich z.B. Zwangshandlungen, Stereotypien entwickeln.

Jetzt stellt sich mir die Frage: ist es besser, den Hund dort zu lassen, wo er gelebt hat, in einer Umgebung, die er kennt, die ihm Sicherheit gibt, wo er vielleicht nicht 15 Jahre alt wird, aber mehr Lebensqualität hat?

Wir Menschen maßen uns an, immer zu wissen, was für die anderen gut ist! Nur vergessen wir dabei, die anderen zu fragen!

    Cart