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PTBS beim Hund – eine neurologische Erkrankung

by in Uncategorized 19/06/2021

Alle psychischen Erkrankungen sind körperlich, sie betreffen Organe, Hormone, das Nervensystem. Teilweise ist das sogar nachweisbar, in Hirnscans oder mithilfe von Bluttests.

Das Gehirn, der Geist

Wenn man einem Hund in den Schädel schaut, sieht man erst mal das Gehirn. Es liegt vor einem (bildlich dargestellt, zum Beispiel mithilfe eines CTs oder MRTs), ein Klumpen gut durchblutetes Glibberzeug.

Was auf den ersten Blick allerdings nichts sichtbar ist, sind die ganzen Vorgänge, die ein Individuum letzten Endes dazu bringen, etwas Bestimmtes zu tun, zu lassen oder zu fühlen. Das Gehirn ist eine Schatzkammer mit einer Trilliarde Schlüsseln, von denen wir vielleicht eine Hand voll kennen.

In den letzten Jahrhunderten fanden wir heraus, welche Hirnregionen für das Sehen zuständig sind, für das Hören, das Sprachverständnis oder die Feinmotorik. Wir wissen, dass der Präfrontale Cortex erst im Erwachsenenalter vollständig ausgebildet ist. Wir wissen, dass es in der Mitte des Gehirns nachts sehr laut ist, weil wir diese Region zum Träumen verwendet wrid. Wir wissen, dass der Geruchssinn der einzige ist, den das Individuum nicht wirklich ausschalten kann, weil er der einzige ist, der nicht durch den Thalamus muss – praktisch übrigens zum Beispiel bei Dissoziationen.

Wir wissen, dass diese Mitte des Gehirns, die beim Träumen sehr aktiv ist und darüber bestimmt, ob der Traum angenehm oder unangenehm (Albtraum) ist, auch für das Fühlen und die Erinnerungen entscheidend ist. Eng verschaltet mit diesem Präfrontalen Cortex, der direkt hinter der Stirn sitzt. Natürlich ist alles in diesem Gehirn miteinander verschaltet, sonst könnten das Individuum während Flashbacks – die im Hippocampus beginnen – nicht auch die Vergangenheit sehen, hören, fühlen und schmecken. Wenn die Mitte (Limbisches System genannt) loslegt, tanzen alle anderen mit. Wie bei einem Flash Mob der Gefühle.

Das Gehirn eines traumatisierten Hundes

Grob gesagt, sieht das Gehirn eines Traumatisierten genauso aus wie jedes andere auch. Es hat alle Teile, nichts fehlt, alles funktioniert. Nur, dass bei Hunden mit PTBS manche Hirnregionen etwas übereifrig sind, manche anfangen zu zerfallen und andere vor Erschöpfung schlafen. Was vielleicht eingangs gesagt werden sollte, ist, dass das Individuum, mal abgesehen von der PTBS, eine vollkommen normale intellektuelle Entwicklung durchzieht. Sie sind also per se nicht dümmer als andere Hunde.

Der Grund, warum das Gehirn von Traumatisierten anders ist als das von gesunden Individuen, liegt an der sogenannten neuronalen Plastizität – die Fähigkeit des Gehirns, sich an Umweltbedingungen anzupassen und sich durch Lernprozesse zu verändern.

Wie hier bereits klar werden könnte, ist dieses Phänomen nicht immer positiv. Grundsätzlich hilft es beim Überleben, wenn es sich aber nach der Überlebensphase nicht mehr ändert, leidet das Individuum gegebenenfalls darunter (Flashbacks, Dissoziationen, Probleme des sozialen Verhaltens). Außerdem kann es durch längere Traumatisierungsphasen auch dazu kommen, dass sich Hirnareale zurückbilden, zum Beispiel durch einen Überschuss an Stresshormonen wie Adrenalin oder Cortisol.

Das Gedächtnis

Fangen wir doch beim Gedächtnis an. Der Hippocampus ist entscheidend dafür, dass der Hund oder der Mensch neue Erinnerungen abspeichern kann, die Gedächtnisinhalte selbst liegen dann in der Großhirnrinde.

Bei Schädigungen des Hippocampus (zum Beispiel bei einer anterograden Amnesie) können neue Gedächtnisinhalte schlecht bis gar nicht mehr abgespeichert werden. Auf alte Gedächtnisinhalte kann das Individuum aber meistens uneingeschränkt zurückgreifen (insofern diese nicht zum Beispiel durch andere Phänomene blockiert sind, was sich bei PTBS-Betroffenen vor allem auf das Trauma selbst bezieht).

Bei Hunden mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung ist der Hippocampus meistens deutlich kleiner als bei gesunden Hunden. Wie viel kleiner, das hängt von der Stärke und zeitlichen Dauer der PTBS-Symptome ab. Ein Hund, der seit fünf Jahren eine PTBS hat, weist statistisch gesehen einen kleineren Hippocampus auf als ein Hund, der erst seit drei Monaten unter den PTBS-Symptomen leidet.

Deshalb ist eine Therapie auch so wichtig.

Denn: Ist der Hippocampus einmal geschrumpft, wächst er nicht mehr. Vermutlich liegt das Ausmaß der hippocampalen Volumenreduktion am chronischen Stress, der durch eine PTBS verursacht wird. Denn der Hippocampus besteht aus extrem vielen Nervenzellen, auf die die Stresshormone (Glukokortikoide) neurotoxisch (das Nervensystem schädigend) wirken.

Andererseits haben wir hier das typische „Henne und Ei“-Problem. Haben Individuen mit einer PTBS einen kleineren Hippocampus wegen der PTBS, oder sind Individuen mit großem Hippocampus weniger anfällig für die Entwicklung einer PTBS?

Es scheint so zu sein, dass die Anlagefaktoren darüber bestimmen, wie groß der Hippocampus wird. Allerdings haben auch Umweltfaktoren auf dessen Entwicklung einen entscheidenden Einfluss.

Was leider oft beobachtet werden kann, ist, dass Hunde mit einer lange andauernden Posttraumatischen Belastungsstörung zunehmend Probleme mit dem Gedächtnis haben. Sie vergessen, wo sie ihren Knochen hingelegt haben, sie erkennen Menschen nicht mehr, wenn die längere Zeit nicht anwesend waren, usw. . Auch das ist auf die Volumenreduktion des Hippocampus zurückzuführen.

Der Mandelkern, die Amygdala

Eine der vermutlich berühmtesten Areale des Gehirns ist der Mandelkern – die Amygdala. Meistens wird die für psychische Erkrankungen verantwortlich gemacht, obwohl andere Hirnareale, wie der Hippocampus, genauso daran beteiligt sind. Trotzdem, die Amygdala ist sehr wichtig, Denn hier werden die Emotionen gesteuert – Tag und Nacht.

Die Amygdala entscheidet, ob der Hund (oder Mensch) Angst hat oder aggressiv wird, also ob im entscheidenden Moment fliehen oder kämpfen auf dem Programm steht.

Wenn beides nicht möglich ist, verfällt der Hund (oder Mensch) in eine Schockstarre – der Ausnahmezustand für das Gehirn schlechthin. Evolutionär gesehen ist diese Dreifaltigkeit essenziell für das Überleben. Wenn die Amygdala entscheidet, dass der Hund schneller laufen kann als das Wildschwein hinter ihm, dann rennt er los. Wenn die Amygdala entscheidet, dass der Hund stärker ist als der Angreifer, dann kämpfen er. Und wenn sie entscheidet, dass er weder schnell laufen noch gut kämpfen kann, stellt er sich tot – Schockstarre.

Ein Freund hat mir mal die Geschichte der Maus und des Falken erzählt. Es war einmal eine kleine Maus, die wurde von einem Falken angegriffen. Sie wusste, dass sie nicht schnell genug weglaufen könnte und Kämpfen kam natürlich gar nicht in Frage. Also blieb sie stehen, atmete schnell und flach und rührte sich keinen Millimeter. Der Falke nahm sie mit in sein Nest und legte sie dort ab. Die Maus tat noch immer keinen Mucks. Irgendwie gefiel das dem Falken nicht, denn anscheinend war die Maus schon lange tot. Er mochte aber nichts, was schon lange tot war. Wer wollte schon herausfinden, wie halbverweste Maus schmeckt? Die meisten Tiere fressen nämlich nur frisches Fleisch. Die Maus, die seit einigen Minuten keinen Ton mehr von sich gegeben hatte, war wohl schon tot. Der Falke hatte das Interesse an ihr verloren.

Diesen Zustand, den die Maus gewählt hat, nennt man bei uns Dissoziation. Wenn man nicht fliehen oder kämpfen kann, wie das in den meisten traumatisierenden Momenten der Fall ist, wählt das Gehirn die Schockstarre. Schockstarre macht das Individuum uninteressant – evolutionär gesehen. Was aber weckt es daraus wieder auf? Hätte der Falke doch versucht, die Maus zu futtern, indem er sie erst mal mit seinem Schnabel anpiekt, wäre sie durch den starken Reiz aus ihrer Starre erwacht und los gerannt. Der Falke wäre überrascht gewesen, die Maus hätte diesen Überraschungseffekt ausgenutzt und wäre entkommen.

Das beste Mittel, um aus einer Dissoziation wieder aufzuwachen, ist also ein starker Reiz. Ein lautes Klatschen (in die Hände, nicht ins Gesicht), ein unangenehmer Geruch (wie Ammoniak), das ist der beste und schnellste Weg raus aus der Dissoziation.

Aber zurück zur Amygdala. Sie interagiert sehr eng mit dem direkt neben ihr liegenden (oder in Gehirnflüssigkeit schwimmenden) Hippocampus, spielt also eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Gedächtnisinhalten, vor allem in emotionaler Sicht. Ob eine Erinnerung wahnsinnige Freude oder tiefe Trauer auslöst, liegt am Mandelkern. Dabei ist die Amygdala bei Individuen mit PTBS meistens deutlich verkleinert.

Was allerdings nicht sagt, dass sie nicht übereifrig ist. Denn die Amygdala ist zusammen mit dem Hippocampus sehr daran interessiert, alte traumatische Erinnerungen endlich korrekt zu verarbeiten. Funktionieren tut das wenig. Trotzdem durchlebt das Individuum immer wieder sein Trauma, sei es tagsüber durch Flashbacks oder nachts durch Albträume.

Das liegt daran, dass es während der traumatischen Situation selbst das Erlebte nicht richtig abspeichern konnte, weil es zu sehr mit dem Überleben beschäftigt war. Das Gehirn versucht, diese Arbeit später zu erledigen. Leider gelingt das von selbst nicht wirklich.

Beim Menschen kommt noch etwas ganz Spannendes hinzu: Die Broca-Region, die entscheidend für die Generierung von Sprache ist, ist während der Erinnerung an ein traumatisches Ereignis vermindert aktiv. Wozu das führt? Betroffene können nicht über das Trauma sprechen. Ihnen fehlen ganz real die Worte. Das allerdings führt dazu, dass die Erinnerungen nicht in das Langzeitgedächtnis integriert werden können. Sie bleiben irgendwo hängen, wie eine verschluckte Erbse, die nicht wirklich wieder aus der Luftröhre herausmöchte, egal, wie viel man hustet. Ob das beim Hund ähnlich ist, wird derzeit noch erforscht.

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Dissoziative Störungen und das Gehirn

Für den Moment des Traumas ist eine Dissoziation, wie bereits beschrieben, gar nicht mal so doof. Sie führt dazu, dass das Gehirn nicht die volle Wucht des Traumas abbekommt – allerdings zu dem Preis, dass das Individuum handlungsunfähig wird und alles über sich ergehen lässt. „Warum nur hat er sich nicht gewehrt, warum hat er nichts getan?“ – Dissoziation!

Eine Dissoziation führt allerdings eben nicht nur dazu, dass die Kontrolle über Handlungen und unser Bewusstsein verloren geht, sondern auch zu einer mangelhaften Verarbeitung des Geschehenen. Dissoziationen führen deshalb häufig zu einer Chronifizierung der Erkrankung. Außerdem führt eine Dissoziation während des traumatisierenden Ereignisses häufig dazu, dass das Ereignis selbst nicht erinnert werden kann (Dissoziative Amnesie).

Eine Dissoziation kann auch dazu führen, dass das Individuum Hals über Kopf ohne Kenntnis der eigenen Identität aus dem traumatisierenden Umfeld wegläuft (Dissoziative Fugue) oder – beim Menschen – sogar die Identität wechselt und somit die Persönlichkeit, die dem Trauma gegenübertrat, abspaltet (Dissoziative Identitätsstörung).

Bei einer Dissoziativen Störung sind die Auswirkungen auf das Gehirn noch deutlicher. Amygdala und Hippocampus weisen eine noch höhere Volumenreduktion auf als bei Individuen, die „nur“ eine PTBS ohne dissoziative Symptome haben, weshalb Emotionalität und Gedächtnis noch mehr betroffen sind.



Das Gehirn – die Persönlichkeit

Psychische Erkrankungen gehen immer mit krankhaften Veränderungen der Gehirnareale und deren Funktionen einher – manche mehr, manche weniger. Bei kaum einer psychischen Erkrankung ist das so extrem wie bei der Posttraumatischen Belastungsstörung oder bei Dissoziativen Störungen. Denn hier ist der Unterschied zwischen betroffenem Gehirn und gesundem Gehirn sehr deutlich. Das Volumen von Amygdala und Hippocampus ist verkleinert, obwohl sie überaktiv sind.

Das liegt offenbar an dem chronischen Stress, den PTBS-Betroffene durchstehen. Auch die Gehirnareale, die für Identität und das Erkennen des Selbst entscheidend sind, zeigen bei einer PTBS deutliche Veränderungen im Vergleich zu Gesunden

Wir wissen inzwischen sehr viel über unser Gehirn, wir wissen aber auch, dass es selten so einfach funktioniert, wie wir uns das wünschen oder vorstellen. Zu viele Synapsen interagieren zu schnell miteinander, von dem Zusammenspiel mit den anderen Organen des Körpers gar nicht erst zu sprechen. Die sind nämlich auch sehr wichtig für das Erleben. Die Nebennieren sind es, die Stresshormone ausschütten. Das Signal dazu bekommen sie vom Gehirn (Glukokortikoid-Kaskaden-Hypothese).

Eine psychische Erkrankung ist keine Deformation der Persönlichkeit, sondern eine ernstzunehmende Veränderung von Erleben, Verhalten und Denken. All das wird im Kopf gesteuert und all das zeigt auf neuronaler Ebene deutliche Unterschiede zwischen gesunden und betroffenen Gehirnen.



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