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MYTHOS RANGORDNUNG

by in Uncategorized 16/10/2020

oder: womit wir HUNDEFACHKRÄFTE zu kämpfen haben

Ein Artikel von Catharina Pichler (Studentin zum Traumafachberater für Hunde)

Seit meiner Ausbildung „Hundefachkraft mit Schwerpunkt Traumaberatung“ ändere ich nicht mehr das Verhalten eines Hundes mit Training, sondern versuche die Ursache des Problems aufzuspüren. Beispiel für die Änderung eines Verhaltens ohne jeglicher Kenntnis über eine Ursache: Hund läuft oft unruhig in der Wohnung herum, das will der Halter nicht, er sperrt den Hund in eine Box oder macht ein Deckentraining. Hier wird in keinster Weise ergründet, was die Ursache der Unruhe ist und das Problem wird sich in Zukunft an anderer Stelle zeigen.

Auch ist die Einstellung des Hundehalters zum Hund sehr wichtig und alteingesessene Mythen, wie der Hund darf nicht auf die Couch und der Mensch müsse zuerst durch die Türe gehen, haben im Umgang mit Hunden längst nichts mehr zu suchen.

So braucht ein Traumafachberater nicht nur Fachwissen sondern auch Fingerspitzengefühl jahrelang eingefahrene Mythen zu entkräften. Vorurteile, Meinungen der sozialen Medien, Bücher und TV-Serien haben meistens nichts mit der Psyche unserer Hunde und wissenschaftlichem Letztstand zu tun.

In einer bekannten Fernsehserie hört man dann: „Wenn der Mensch nicht die Führung übernimmt, dann wird der Hund versuchen dies durch dominantes Verhalten zu kompensieren“.

Doch der Hund lebt mit uns Menschen in keinem Rudel, versucht niemals die Führung über uns Menschen anzustreben und braucht unseren Schutz und Verständnis, damit eben keine Probleme entstehen.

Als Fachberater braucht man nun das Können Gegenargumente zu finden, und den Hundehalter fühlen zu lassen wie es sich anspürt in der Haut seines Hundes zu stecken. Denn dass unsere Hunde Emotionen und eine Seele haben, dürfte sich zumindest schon herumgesprochen haben. Und wer es selber spürt, kann sich auch in ein anderes Lebewesen hineinversetzen.

Ja, das ist weitaus schwieriger als den Hund mittels Training zu ändern oder es unterschwellig dem Halter in die Schuhe zu schieben, er hätte nicht genug trainiert.

Rangordnung und Dominanz ziehen sich schon lange durch die Köpfe der Menschen. Man kann sagen sie ist ein aggressiver und von Konfrontationen geprägter Wettlauf um die Position eines „Alphas“, der bestimmen muss, damit kein anderer über ihn bestimmt. Vereinfacht gesagt: Hundehalter wurden in einer Art Gehirnwäsche über die Jahre überzeugt, dass die meisten Verhaltensweisen von Hunden einzig und allein dazu dienen, einen Regierungswechsel anzustreben, die Weltherrschaft zu erringen und letztendlich durch diesen Umsturz die Führung der Familie zu übernehmen. So soll Hunden nicht die geringste Chance gegeben werden, diesen Alphastatus zu erlangen, damit sie nicht alles mit eiserner Pfote regieren.

Gib hier deine Überschrift ein

1.) Ich biete meinen Kunden an, eine Zeitlang all die Dinge zu tun, die sie nicht zu tun wagen:

die Bedürfnisse des Hundes erfüllen,

ihn auf die Couch lassen,

den Hund ein Zerrspiel gewinnen lassen etc.

Und sollte der Hund aus diesem Grund heraus ungebührliches Verhalten zeigen, dann bügle ich es wieder aus. (Unter uns: was jedoch noch nie der Fall war).

In einer Studie erlaubte man Hunden, in einem Zerrspiel mit einem Menschen immer und immer wieder zu gewinnen. Die Hunde liebten dieses Spiel – und zogen diese Variante natürlich klar jener vor, in der sie gezwungen waren, jedes Mal zu verlieren. Aber nichts deutete danach darauf hin, dass ihnen ihre Siegesserie zu Kopf gestiegen wäre und sie „dominant“ gemacht hätte.

2.) Fachliche Fakten: Hund und Mensch leben in keinem Rudel, denn ein Rudel ist ein Familienverband gleichartiger Raubtiere. Somit kann ein Mensch auch kein Rudelführer sein.

Das Verhalten von Gehegewölfen wurde als Maßstab für die Interpretation hündischen Verhaltens herangezogen und kann weder auf freilebende Wölfe oder auf Hunde angewandt werden. Wenn Wölfe keine Despoten sind, warum dann Hunde?

3.) Den Hundehalter fühlen lassen: das hat mich anfangs Überwindung gekostet. Wer schafft es schon, einen Kunden stehen zu lassen, damit er fühlt wie es ist alleine zu sein?

Den neuen Kunden nicht begrüßen – er tut es bei seinem Hund ja auch nicht.

Weicht er nicht aus, in ihn hineinlaufen. Das passiert bei seinem Hund ja auch.

Dem Menschen etwas wegnehmen? Ja, so kann er spüren, wie es auch seinem Hund tagtäglich ergeht.

Die Ausbildung hat auch bei mir einen Prozess des Umdenkens bewirkt. Die Ursache des Problems ist wichtiger als das Verhalten einfach „wegzutrainieren“, denn unterschwellig bleibt es ja bestehen. Menschen fühlen zu lassen und klare fachliche Argumente haben.

Bevor man jedoch den sprichwörtlichen 1.Stein wirft, müssen wir da nicht erst bei uns selber beginnen?

Der Literaturnobelpreisträger George Bernhard Shaw sagte, der Prozess der Meinungsbildung hängt nur selten von reinen Fakten ab. Der Mensch tendiere dazu nach Informationen zu suchen und genau jene zu finden, die die eigene Meinung bestätigen. Selbst wenn Fakten dagegen sprechen, werden die wenigen, die der eigenen Bestätigung dienen, eher in Erinnerung behalten und Gegenargumente bringen einen geringen Effekt.

In der Psychologie auch Bestätigungsfehler oder Bestätigungsverzerrung.

Möchte man andere Meinungen verändern, sollte man daher zuerst bei sich selber beginnen:

Dem Bauchgefühl viel öfter vertrauen. „Was Du nicht willst das man Dir tut, das füg auch keinem andren zu“. Warum genau ist man eigentlich von einer Tatsache überzeugt? Welche anderen Fakten gibt es noch oder hat man sich nur die eigenen passenden Informationen (aus welchen Quellen?) herausgesucht? Sind die Quellen vertrauenswürdig oder suchen wir genau das heraus was wir hören oder lesen wollen? Gibt es vielleicht noch einige andere potentiell richtige Denkansätze?

Das gilt für Hundethemen wie für alles andere:

Eingefahrene Denkweisen zu verändern ist jederzeit möglich. Es ist nur eine Frage des Wollens, nicht aber des Könnens

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