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Der Hund: Ein Lebens-Lehrer

by in Uncategorized 16/10/2020

Was hat Achtsamkeit mit der Hund-Mensch Beziehung zu tun?

Ein Artikel von Christiane Busch – Studentin Hundefachberater “Trauma”

Achtsamkeit: ein Wort was in der heutigen Zeit in aller Munde ist. Man liest es im Netz, es gibt zahlreiche Bücher und mittlerweile auch reichlich Kursangebote. Aber was genau ist eigentlich Achtsamkeit? Und vor allem: was hat es mit der Hund-Mensch-Beziehung zu tun?

Fangen wir mal an wie es früher war:

Mein Traum war es schon seit Kind an einen Hund zu haben. Wenn ich mir heute alte Freundschaftsbücher anschau sehe ich dort immer gemalte Bilder von mir: ein Hund. Dieser Traum wurde wahr als ich 7 Jahre alt wurde: Oli von Elfenbein zog bei uns ein. Ein kleiner Langhaardackel…mein bester Freund. Sobald ich aus der Schule kam spielte ich mit ihm; gab ihm Leckerchen ohne dass er irgendetwas dafür tun musste. Eine Hundeschule wurde nicht aufgesucht, denn es gab einfach keine. An den Wochenenden verbrachte meine Familie die meiste Zeit damit, im Wald spazieren zu gehen…Oli war immer dabei. Wir machten uns keine Gedanken über Sitz, Platz, Bleib sondern ließen ihn einfach Hund sein. Wir vertrauten ihm und er vertraute uns….Kein Mensch sprach über Dominanz und Rudelführer..ich glaube, diese Begriffe gab es damals gar nicht 🙂 Wir verzichteten sogar darauf in den Urlaub zu fahren, denn wir wollten ihn ja nicht zuhause lassen. Unser Leben damals war einfach und schlicht mit reichlich Freude und viel Draußen sein mit Hund. Und ich glaube rückblickend: Oli hatte ein gutes Leben bei uns.

Heute..40 Jahre später ist vieles anders. Die Zeit scheint zu rennen und irgendwie hat man gefühlt keine Zeit mehr. Ich denke, es geht euch allen genauso. Man ist ständig unterwegs…nach der Arbeit schnell noch eben ne Freundin treffen…danach nach Hause und mit dem Hund Gassi gehen…dabei noch schnell ein Telefonat mit dem Handy erledigen….Nachrichten checken……Facebook…Twitter…Urlaub irgendwo weit weg und der Hund im „Tierheim-Urlaub“…Kurz gesagt: all das bestimmt unser heutiges Leben…immer schneller, höher weiter…und gedanklich sind wir nie im Hier und Jetzt. Und der Hund? Er muss dies alles miterleben und auch mittragen.

Und da taucht es dann auf: das Wort „Achtsamkeit“: Aber was ist das denn jetzt nun? Laut Aussage einer Psychologin: Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle und alle anderen Wahrnehmungen..egal ob angenehm/unangenehm/neutral zu erfahren und zu akzeptieren wie sie sind..das Leben so zu leben wie es sich von Augenblick zu Augenblick entfaltet ohne wenn und aber. Das Ziel der Achtsamkeit ist, das Leben ein bisschen zu verbessern und raus aus dem Denken zu kommen…im „Sein“ zu sein.

Achtsamkeit bedeutet für mich, anstatt ins Denken ins Fühlen zu kommen. Und auch auf mein Bauchgefühl zu hören. Das hat uns eigentlich noch nie getäuscht.

Gerade in Bezug auf unsere Vierbeiner ist das ein ganz wichtiger Punkt: unsere Hunde lieben uns über alles; warum zeigen wir es ihnen so selten? Warum sehen wir nur das negative…z. B. All das was sie nicht können oder uns nicht gefällt. Frag mal einen Hundehalter was der eigene Hund gerne mag oder was den Hund ausmacht. Oftmals kommt lange keine Antwort…wenn überhaupt noch eine kommt. Wir haben das Gefühl für den Hund verloren. Oberflächlichkeit reagiert die Welt. Aber wollen wir das wirklich?

Der Hund lebt jeden Tag im Hier und Jetzt…und wir? Wir sitzen gerade alle an einem Tisch und unsere Gedanken sind schon bei der nächsten Aufgabe…bei dem morgigen Tag…den noch zu erledigen Aufgaben. Lasst uns doch versuchen, uns es den Hunden gleich zu tun. Sich auf das zu konzentrieren, was jetzt in diesem Moment ist. Sie als unser Vorbild zu sehen, denn sie tun seit Jahren das, was wir verlernt haben: achtsam sein.

Kommen wir nun zu dem Punkt wie wir wieder zu uns finden können..mit Hilfe unseres Hundes:

In der Ruhe liegt die Kraft:

Der Hund weiß einfach was ihm gut tut: bis zu 20 h am Tag schläft und ruht er. Aktive Phasen und Ruhephasen wechseln sich ab. Das ist ein natürlicher Rhythmus.

Und wir? Wir hetzen, hetzen und hetzen. Bau dir ab heute regelmäßige kleine Auszeiten in den Tag. Sei es bei einem Kaffee draußen vor der Tür oder geh mal 5 Minuten ins Bad (kein Witz…das stille Örtchen heißt nicht umsonst so). Du wirst sehen, wie entspannter und wacher du durch den Tag kommst. Dies kannst du auch gemeinsam mit deinem Hund praktizieren: liegt er entspannt auf dem Boden setz dich in Ruhe daneben und genieße diese Zweisamkeit.

Konzentration/Wahrnehmung:

Hast du schon mal deinen Hund beim Spaziergang beobachtet? Er kann Stunden damit verbringen, einen Grashalm abzuriechen. Er ist so fokosiert und lässt sich durch nichts stören. Oder wenn er auf der Terrasse liegt und einen Vogel beobachtet, der auf dem Rasen umher hüpft. Das ist spannender als mancher Krimi für ihn.

Und wir? Wir schaffen es oftmals noch nicht einmal 5 Minuten den Fokus auf eine Sache zu haben.

Wir gehen Gassi, Handy in der Hand und simsen. Und der Hund trottet gelangweilt neben uns her. Beim nächsten Gassi Gang lass dein Handy zu Hause und geh ganz bewußt mit deinem Hund spazieren. Beobachte ihn, wie er sich gibt, was er tut. Schaut er dich oft an, was findet er spannend, wie reagiert er wenn er etwas in der Ferne sieht. Konzentriere dich nur auf deinen Hund und deine Umgebung. Hörst du Vögel zwitschern, wie riecht die Luft heute (vielleicht hat der Bauer aus der Nachbarschaft mal wieder Gülle gestreut). Nimm wahr was um dich herum ist.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist schlechter

Dein Hund vertraut dir zu 100% denn du bist seine Mutter oder Vater, sein bester Freund . Er ist völlig unvoreingenommen von dir und nimmt dich so wie du bist.

Aber wie ist es mit dir? Wir Menschen neigen dazu, alles immer unter Kontrolle haben zu wollen. Dies bringt uns die nötige Sicherheit. Aber Kontrolle hat auch was mit „Nicht-Vertrauen“ zu tun. Wir kontrollieren jeden Schritt von unserem Hund, leinen ihn nicht ab weil wir Angst haben, dass er uns stiften geht. Der Hund hat jedoch das Grundbedürfnis, sein Leben auch mal selbst beeinflussen zu dürfen und auch ein Mitspracherecht.

Somit lass ihn nächstes Mal entscheiden, welchen Weg er gehen möchte. Vielleicht will er aber auch einfach nur zuhause mit dir spielen. Geh auf seine Spielaufforderungen ein.

Liebe und Empathie

Hast du schon mal genau hingeschaut, wie sehr sich dein Hund freut wenn du nach der Arbeit nach Hause kommst? Dieses Grinsen welches in dem Gesicht zu erkennen ist? Dies zeugt von wahrer Freude und vor allem von wahrer Liebe. Dein Hund liebt dich über alles und zeigt es dir immer wieder. Aber wie ist es mit dir? Hast du wirklich mal gemerkt, was dein Hund alles unternimmt um dir zu zeigen wie sehr er dich liebt? Hat er sich zu dir auf die Couch gelegt und sich ganz nah an deinen Körper gedrückt? Ich hoffe jetzt nicht, dass du ihn weggeschickt hast. Sag deinem Hund doch genau jetzt in diesem Moment mal wie sehr du ihn liebst. Knuddel ihn wenn er zu dir kommt, zeig ihm deine Liebe für ihn. Und sag auch deiner Familie und Freunden, wie sehr du deinen Hund liebst. Dieses Gefühl ist einmalig und durch diese Liebe entwickelst du auch ein Feingefühl für die Belange deines Hundes. Du erkennst wie es ihm geht..gut oder schlecht oder was er gerade in diesem Augenblick möchte.

Auch wenn er nicht mit dir sprechen kann so wie Menschen es tun, du wirst ihn immer besser verstehen lernen.

Der letzte Punkt den ich für wichtig halte zum Thema Achtsamkeit ist das Bauchgefühl:

wir lassen uns oftmals auf Dinge ein, die wir eigentlich gar nicht wollen.

Sei es ein Rat von einem anderen Hundebesitzer „du musst als erster durch die Tür gehen“ oder eine Anweisung des Hundetrainers „wenn er zieht dann ruck mal kräftig an der Leine“

Aber warum tun wir das? Weil wir unsicher sind und denken, wir haben keine Ahnung. Der andere ist ja viel gebildeter in Sachen Hund als ich es bin. Aber stimmt das? Wer kennt unseren Hund besser als wir selbst? Niemand. Wenn das Bauchgefühl sagt: lass mal lieber…warum nicht annehmen? Es fühlt sich richtig an oder nicht gut an…wer das von sich sagen kann, darf sich glücklich schätzen. Es zeigt, dass ich als Person einen Zugang zu meinen Emotionen habe.

Und ein „Nein“ in der richtigen Situation ist besser als „ungutes Gefühl“ weil ich keine Traute hatte, meinen Standpunkt zum Ausdruck zu bringen.

All diese Beispiele, wie ich wieder achtsamer werden kann in Bezug auf meinen Hund zeigen, dass ich den besten Lebens-Lehrpartner bereits an meiner Seite habe. Es bewirkt, dass ich wieder Zugang zu mir finde und auch zu meinem Hund. Ich sage hier nur „sichere Bindung“ und ich denke, ihr könnt mir da alle zustimmen.

Schlusswort: was ist schon schöner, als mit seinem besten Freund im Hier und Jetzt zu sein und ein tolles gemeinsames Leben zu leben?

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